Immunschwäche im Naturhaushalt

Mittwoch, 4. Mai 2011 | Autor: Bernhard

Verbreitete Immunschwäche in der Natur: eine Hypothese

Die Forscher Rosemary Mason und Palle Uhd Jepsen, ehemaliger Chefberater der Naturschutz- und Wildtierforschung der dänischen Forst und Naturbehörde, stellen aufgrund der Sichtung der aktuellen wissenschaftlicher Literatur die folgende Hypothese auf, die einen Zusammenhang zwischen der in der Natur vorzufindenen Immunschwäche bei verschiedenen Tierarten mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln/Pestiziden herleitet.

Einleitung


Honigbienen in Europa und den USA

Wir haben über die Bedeutung der Erkenntnisse aus der Laborforschung an Bienen in Frankreich und den USA nachgedacht. Die Ergebnisse zeigen, daß die Gabe von kleinen Mengen eines systemischen Neonicotinoids, Imidacloprid, an Colony Collapse Disorder (CCD)-Bienen mit einer Schwächung des Bienenimmunsystems einhergeht, so dass sie anfälliger für Bienenkrankheiten wurden. Alaux et al (2009)
der Institution INRA aus Avignon in Frankreich wiesen nach, daß die Interaktion zwischen den Mikrosporidien Nosema und dem Neonicotinoid (Imidacloprid) die Honigbienen signifikant schwächte.

Pettis und Van Engelsdorp produzierten identische Ergebnisse - trotz der Tatsache, dass die Kontamination der Bienen mit dem Neonicotinoid unterhalb der Nachweisgrenze lag, die die eigene Laborausrüstung der Forscher erreichte.

Van Engelsdorp sagte in 2009 bei der Apimondia, dem Weltkongress der Imker: “Als alleinige Ursache können wir keinen Virus oder Erreger ausmachen. Das wiederum impliziert, daß hier unter der Ebene der Erreger etwas anderes geschieht: irgendetwas zerstört das Immunsystem der Bienen.”

Wir entschieden uns, die Muster der jüngsten Todesfälle/Epidemien bei einer Vielzahl von anderen Wildtieren in Großbritannien, Europa und den USA genauer zu betrachten , die beteiligten Erreger und auf einer Zeitskala den Zusammenhang mit der Anwendung von neonicotinoid-gebeiztem Saatgut und Sprays in einer Vielzahl von Kulturen, Gärten, Gewächshäuser und Grasland herzustellen.

Dabei stießen wir auch auf eine Arbeit aus dem Jahr 2002, herausgegeben von Kiesecker (damals noch an der Penn State University). Diese Arbeit zeigt ähnliche Immunsystemschwächen bei Fröschen, die in Regionen leben, wo sie durch Regen ausgewaschenen Schädlingsbekämpfungsmitteln ausgesetzt sind. Dies deutet darauf hin, daß die Immunsuppression bei Wirbeltieren aus auch bei wirbellosen Tiere vorkommen kann.

Die Forscher betrachten in der Folge die Literatur zu Amphibien, Fledermäusen, Hummeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen, Solitärbienen, Grünfinken, Buchfinken und Meisen in den USA und Europa. Aus dieser Betrachtung heraus, entwickelten Sie die folgende Arbeitshypothese.

Immunschwächekrankheit in der Natur: eine Hypothese

Wir sind mehr und mehr überzeugt, daß es sich bei den beschriebenen Fällen nicht um “normale” Infektionen handelt, bei denen die Erreger in üblicher Weise übertragen werden, zum Beispiel über den “”direkten Kontakt” zweier Grünfinken miteinander, oder durch kommerzielle Hummeln zu Wildhummeln übertragene Krankheitserreger. Diese können wahrscheinlich nicht verhindert oder nur durch Säuberung der Vogelhäuschen gemindert werden; oder einfach durch Verbot der Einfuhren von Amphibien aus den USA, oder durch Einschränkung des Imports kommerzieller Hummelvölker oder
Keulung oder Behandlung von infizierten Fledermäusen mit Antimykotika (das alles ist vorgeschlagen worden).

Wenn diese Fälle bei Menschen passierten, würde ich als ein Arzt eine Acquired Immune Deficiency Syndrome (englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“, AIDS) vermuten. In diesem Zustand sterben die nicht weiter behandelten Patienten nicht an der Ursache - des mangelhaften Immunsystems - sondern an einer oder mehreren ungewöhnlichen Infektionen oder vielleicht Tumoren, die von gesunden Menschen normalerweise vertragen werden. Oder wenn gesunde Menschen erkranken, normalerweise mit einer vollständigen Erholung gerechnet wird.

Da neuere Forschungen von Bienenwissenschaftlern aus zwei verschiedenen Instituten gezeigt hat, daß selbst kleine Dosen von Imidacloprid für einen Zusammenbruch des Immunsystems der Bienen verantwortlich sind, glauben wir, daß Ökologen von diesem Anhaltspunkt aus starten sollten. Eine ähnliche Studie bei Frösche aus dem Bereich der landwirtschaftlichen Auswaschungen im Jahr 2002, legt des Weiteren nahe, daß es nicht nur wirbellose Tiere sind, die anfällig reagieren, wenn sie kleine Dosen von Pestiziden ausgesetzt sind.

Die Gesundheit der Natur ist weltweit stark rückläufig.

Die allgemeine Verwendung von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden hat eine weit verbreitete
Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Bestäuber verursacht; das schließt den Verlust von Wildpflanzen ein, von denen sie abhängen, deren kompletten Lebenszyklen, den Verlust von Nistplätzen für Hummeln, den Verlust von Lebensraum und die Verwendung von Herbiziden und Insektiziden an verwilderten Plätzen zur Kontrolle von Baumkrankheiten.

Doch darüber hinaus ist etwas Unheimliches passiert. Daß ist das Ausradieren der Populationen vieler verschiedener Tierarten. Wir vermuten, daß es mit dem zunehmenden Einsatz von systemischen Insektiziden und Neonicotinoide zu tun hat. In den USA wurden die systemische Neonicotinoide im Jahr 1991 und in Großbritannien im Jahr 1994 eingeführt. Der Anteil des britischen Ackerlandes, das mit Neonicotinoiden behandelt wird, hat von 0,65% im Jahr 1994 auf 24,4% im Jahr 2008 zugenommen.

Aber die größten Zuwächse traten in den letzten 10 Jahren auf: von 1 Million Hektar im Jahr 2000 auf 2,5 Millionen Hektar im Jahr 2008. Es ist jetzt 2011, drei Jahre darauf, und Wissenschaftler der Regierung, DEFRA, FERA, die Verbraucherschutzbehörden leugnen zusammen mit der Pestizidindustrie noch immer, daß systemische Pestizide für Bienen schädlich sind.

Wir haben eine Reihe von Antworten der verschiedenen Verbraucherschutz- und Umweltbehörden zusammengetragen, die wir persönlich erhalten oder eingesehen haben. Gleichförmig haben sie alle abgelehnt, ein Verbot der Neonicotinoide zu verhängen - aus Mangel an Beweisen, dass die Bienen geschädigt zu werden.

UK Chemical Regulation Directorate: Die DEFRA schrieb am 15. Februar 2011 im Auftrag von Herrn Henley an David Hanson MP: “Die Daten geben keinerlei Anlaß für Besorgnis.”

Europäische Union: Im Auftrag von John Dalli, Europäische Kommission für Gesundheit und
Verbraucher, schrieb Michael Flüh, Leiter des Referats am 25. Januar, daß “auf der Grundlage des aktuellen Wissens ein Verbot nicht gerechtfertigt sein würde.”

Europäische Union: Im Auftrag des Vizepräsident Ashton, (auch Michael Flüh), schrieb am 3. März “Ich möchte die aufgezählten Punkte aus meinem Schreiben vom 25. Januar noch einmal hervorheben…”

US Environmental Protection Agency. Am 8. Dezember 2010 sendeten sechs US-Organisationen ein Schreiben an die US-EPA. National Honey Bee Advisory Board, American Beekeeping Federation, American Honey Producers Association, Beyond Pesticides, Pesticide Action
Network North America und das Center for Biological Diversity. In diesem Schreiben baten sie um Aussetzung der Zulassung des Neonicotinoid Clothianidin. Am 8. Februar schrieb Dr. Steven Bradbury, Director, Office of Pesticide Programme im Auftrag von Lisa P. Jackson, EPA Administrator: “Zu diesem Zeitpunkt sind wir uns keiner Daten bewusst, die vernünftigerweise zeigt, dass Bienenvölker erhöhten Verluste durch chronische Exposition mit diesen Pestiziden unterliegen sind”.

Alle Antworten, einhellig, behandeln nur das Thema Bienen. Sie erwähnen weder die nicht zu den Zielgruppen gehörenden Wirbellosen oder die Oberflächenwasserkontamination. Diese Themen waren aber Gegenstand unserer Briefe. Im November 2010 wurde ein Bericht von Corporate Europe Observatory und der European Beekeeping Coordination veröffentlicht. Ist die Zukunft der Bienen in den Händen der Pestizidlobby? Die Europäische Kommission ermöglicht Unternehmen, die Zulassungsbedingungen für Pestizide selbst zu gestalten.

Wir vermuten, daß die Vorgänge vielen Wissenschaftler nicht bewusst sind

In der Tat scheint es einen verwunderlich großen Mangel an Wissen bei den einzelnen Wissenschaftler darüber zu geben, was bei anderen Spezies geschieht - abgesehen von ihrer eigenen Fachrichtung. Die meisten Ökologen scheinen diese Infektionen als “neuartig” aber sehr virulent einzuordnen.

Dabei hat Vredenburg (2010) et al. uns den Schlüssel zum Problem in der ausgezeichneten Studie über die Verbreitung von Krankheitserregern durch drei Seebecken während eines großen Amphibiensterbens (2004-6) in der Sierra Nevada, Kalifornien, gegeben. Sie erklärten, daß die epidemiologischen Theorie besagt, daß ein “Erreger nicht zu einem Aussterben des Wirtes führt. Weil der Erreger selbst verschwindet, wenn die Population des Wirtes unter einen bestimmten Schwellenwert getrieben wird.”

Obwohl es bis vor kurzem Zweifel an der Bedeutung der Krankheit beim weltweiten Amphibiensterben gab, sagen diese Ökologen, daß diese Theorie nun von “der Macht der Erkenntnisse ” überwunden ist.

Vier Studien aus verschiedenen Teilen der Welt zeigen, daß genau die gleiche Ausnahme von der Regel (d.h. das totale Aussterben des Wirtes) stattgefunden hat. In den Jahren 1998, 2006, 2007 und 2008 führten Infektionen bei Amphibien zu einer rasch Abhnahme der Populationen und in einigen Fällen zum Aussterben. Dies deutet darauf hin, daß das Problem nicht in der Virulenz des Erregers liegt, sondern mit dem Zustand des Immunsystems der Wirtsarten zusammenhängt.

Konferenz in Westminster am 4. April 2011

Die überparteiliche Fraktion für Wissenschaft und Technologie in der Landwirtschaft hat Jeff Pettis, den Bienenwissenschaftler bei der USDA, als Gastredner zu einer Debatte über Bienengesundheit und Pestizide eingeladen. Wir waren nicht anwesend, um die Beschreibung seiner Forschungen zusammen mit Van Engelsdorp zuzuhören. Diese Forschungen sind derzeit unveröffentlicht. Aber wir haben die Forscher mit eigenen Worten im französischsprachigen Film “Das seltsame Verschwinden der Bienen” gehört, der noch nicht in Großbritannien gezeigt wurde [Anmerk. d. Übersetzers: Auch nicht in Deutschland]. Zur Apimondia Konferenz im August 2009 berichtete das französische INRA Bieneninstitut bei Avignon aus Frankreich und auch das Bieneninstitut der USDA aus Maryland über identische Feststellungen bezüglich der Immunsuppression bei CCD-Bienen.

Zu dieser Zeit gab Van Engelsdorp folgende Erklärung ab: “Wir finden keinen konsistenten Virus oder eine konsequenten Erreger. Das bedeutet, daß etwas anderes darunter geschieht, etwas zerstört ihr Immunsystem. ”

Im Januar 2011 wurde Dr. Julian Little von Bayer CropScience mit den Worten zitiert: “Ich bin sicher, es gibt einige sehr interessante Effekte, die Dr. Pettis im Labor gesehen hat. Aber in Wirklichkeit interessiert doch nur das, was für jedermann wichtig ist: Was passiert im Feld - da siehst Du diese Dinge nicht passieren.”

Dr. Little liegt falsch. Er und seine Kollegen in der agrochemischen Industrie und Behörden haben es versäumt, zu beobachten, was in der Umwelt geschieht. Es gibt Anzeichen dafür, daß die Beeinträchtigung des Immunsystems bei Wildtieren jetzt weit verbreitet ist. Eine Reihe von “neuer” oder bisher unbekannte Erreger treiben weltweit das Aussterben einer Vielzahl von Arten an, darunter Amphibien, Fledermäusen, Vögeln, Wirbellosen (insbesondere, Bestäuber). Ein DEFRA-Wissenschaftler bestritt die Existenz des Bienensterbens/Colony Collapse Disorder in Großbritannien während eines Interviews auf Channel 4 Television am Abend der Westminster-Debatte. Obwohl wir nicht über ein Äquivalent des Bienensterbens wie bei der kommerziellen US-Bienenindustrie verfügen, erleben einige unserer befreundeten Imker - die Bienen seit vielen Jahren halten - häufige Verluste bei der Überwinterung der Honigbienenvölker. So begann es in den USA.

Darüber hinaus haben wir nun hoch signifikante Muster der katastrophalen Rückgänge bei anderen Wildtieren dokumentiert. Unsere detaillierte Untersuchung der Literatur zeigt, daß die Entwicklungen dorthin gehen, wo sich die USA bereits befinden. Europa wird fast zwangsläufig folgen. Wir haben [zurzei] keine wissenschaftliche Beweise für unsere These, es gibt nur Indizien und Umweltfakten. Das liegt zum Teil daran, daß die meisten agrochemischen Daten streng vertraulich sind. Es war nur ein Zufall, daß wir auf US-amerikanische Verbreitungskarten 1999-2004 für die durchschnittliche Anwendung von Imidacloprid und Thiomethoxam auf landwirtschaftlichen Flächen stießen. Wir konnten keine gleichwertige Karten für Clothianidin finden - weder für die USA noch für Großbritannien.

Darüber hinaus entdeckten wir, daß Imidacloprid, Thiomethoxam und Clothianidin nicht in der Liste der 44 Pestizide / Herbizide im Oberflächen- und Grundwasser stehen - gemessen durch die USGS. Das bedeutet, daß sie nicht in die Statistik der NAQWA zu Pestizidbelastung der Wasserläufe aufgenommen wurden.

Die Vereinten Nationen hatten 2010 das Internationale Jahr der Biodiversität erklärt, um
die Artenvielfalt alles Leben auf der Erde zu feiern. Es markierte auch das Jahr, in dem 200 Länder versprachen, den Verlust der biologischen Vielfalt auf globaler, nationaler und regionaler Ebene zu stoppen. Wieder einmal gehörten in Oktober 2010 in Nagoya, Japan, Delegierte aus 200 Ländern zu den Unterzeichnern der UN Übereinkommen über die biologische Vielfalt. Dennoch: Wie viele der Delegierten waren sich der dramatischen Verluste der weltweite biologische Vielfalt an Wildtieren bewusst, die unter ihren Augen geschieht?

Die Welt balanciert am Rand einer Klippe. Der jüngste veröffentlichte Bericht durch das United Nations Environment Program (UNEP) von renommierten Wissenschaftlern über den globalen Rückgang der Bestäuber, ist eine deutliche Warnung.

Bis unsere Hypothese über die Immunschwäche bei Wildtieren widerlegt werden kann, glauben wir, daß alle Verbraucher- und Umweltschutzbehörden die neonicotinoiden Insektizide besser von der Zulassung suspendieren sollten.

Rosemary Mason MB, ChB, FRCA und
Palle Uhd Jepsen former Senior Adviser in Nature Conservation and Wildlife to the Danish Forest and Nature Agency.

April 2011

Zum Originaltext: https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=explorer&chrome=true&srcid=1vZ6_7fXNMgnbaji84CrEcpcCpP7uFAUMIIx1gx-PyMxVYNFRNrK3IcqqYsyz&hl=en

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Thema: Imkerdemo

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