Offener Brief an die Bundeslandwirtschaftsministerin Frau Ilse Aigner

Montag, 1. Dezember 2008 | Autor: Bernhard

Frau Ministerin

Ilse Aigner

Bundesministerium für Ernährung,

Landwirtschaft und Verbraucherschutz

11055 B e r l i n

01. Dezember 2008

Honigbienen und Pflanzenschutz

Sehr geehrte Frau Aigner,

ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Amtsantritt als Bundeslandwirtschaftsministerin. Sie übernehmen mit dem Antritt eine hohe Verantwortung über den Verbraucherschutz, die Ernährung und die Landwirtschaft.

Mein Name ist Bernhard Heuvel und ich bin Hobbyimker. Honigbienen sind ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Ein Phänomen, dass viele befällt, die sich mit Bienen beschäftigen. Ich schreibe aus meinem Bedürfnis heraus, die Honigbienen vor drohenden Gefahren zu beschützen. Von welchen Gefahren spreche ich?

Im vergangenen Jahr sind vor allem in Baden-Württemberg und Bayern Honigbienenvölker durch direkten Kontakt mit hohen Konzentrationen von Clothianidin (Poncho Pro) stark geschädigt worden. Dies wurde durch das Julius-Kühn-Institut bestätigt. Die hohe Anzahl und Art der Schädigung sind alarmierend.

In der Folge konnte herausgearbeitet werden, wie und auf welche Weise die Bienen in direkten Kontakt mit dem Pflanzenschutzmittel gekommen sind. In diesen Fällen wurde ein Austrag von Beizstäuben auf benachbarte, blühende Pflanzen herausgearbeitet. Dazu darf ich das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zitieren:

Es ist davon auszugehen, dass das nachgewiesene Clothianidin von behandeltem Maissaatgut stammt, bei dem der Wirkstoff nicht ausreichend an den Körnern haftete, so dass es wegen dieser geminderten Beizqualität zu einem starken Abrieb kam. In der Oberrheinebene wurden zur Aussaat pneumatische Sägeräte mit Saugluftsystemen, die aufgrund ihrer Konstruktion den Abriebstaub in die Luft abgeben. So konnte der Abriebstaub auf blühende Pflanzen gelangen.“

aus: http://www.bvl.bund.de

Bereits nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass diese Möglichkeit der Exposition von Nichtzielinsekten durch die Insektizidgruppe der Neonicotinoide bereits im Jahre 2002 und 2003 bekannt ist. Eine diesbezügliche Untersuchung von M. Greatti et al. (Italien) wurde in BULLETIN OF INSECTOLOGY im Jahre 2003 veröffentlicht.

Darin werden leicht durchzuführende Maßnahmen vorgeschlagen, wie diese Exposition zumindest abgeschwächt werden könnte. Als Beispiel sei hier der Einbau von Papierfiltern in Abluftsysteme der Sämaschinen genannt.

Seit der Veröffentlichung im Jahre 2003 bis 2008 sind 5 Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden keine Schritte seitens der Zulassungsbehörden bei der Zulassung von Clothianidin unternommen, diese Exposition zu verhindern. Auch einfache Maßnahmen wurden nicht vorgeschrieben. Es stellt sich die berechtigte Frage: Warum ist hier nichts geschehen?

Die weitere Beschäftigung mit den Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel brachte Mängel bei den Verfahren hervor.

Erkannte Mängel bei Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel

1.) Vorliegende Informationen über aufgetretene Schäden in anderen Ländern wurden meines Wissens nach weder vom Hersteller bereitgestellt noch vom BVL eingeholt. Hier ist eine mangelnde internationale Vernetzung der Zulassungsstellen und der Wissenschaft Ursache dafür, dass bereits gemachte Erfahrungen und Studien nicht zur Zulassung herangezogen werden. Solche Erfahrungswerte sind aber äußerst wertvoll für die Abwendung von Schäden.

2.) Die für die Zulassung herangezogenen Studien und Prüfungen werden entweder vom Hersteller oder von nicht-unabhängigen Einrichtungen vorgenommen. Diese Unterlagen sind zur Zeit nicht öffentlich einzusehen, so dass eine externe Überprüfung durch Dritte nicht möglich ist. Da Dritte von außen jedoch wertvolle Hinweise liefern und damit Schäden verhindern könnten, ist die fehlende Zugänglichkeit der Unterlagen als Mangel zu bezeichnen.

3.) Zur Prüfung der Toxizität der Pflanzenschutzmittel werden Standards herangezogen, die als veraltet zu betrachten sind und die Wirkungen von neuen, systemisch wirkenden Stoffen wie den Neonicotinoiden nicht erfassen. Von Seiten der Wissenschaft liegen bereits Anregungen vor, zum Beispiel in Form von standardisierten Intelligenztests, die solche neuartigen Stoffe auf ihre Toxizität auf das gesamte Bienenvolk als Superorganismus hin prüfen würden. Die Erkenntnisse aus der modernen Bienenwissenschaft werden zur Zeit nicht berücksichtigt.

4.) Bei der Überprüfung der Toxizität der Wirkstoffe wird meines Wissens völlig außer Acht gelassen, inwieweit die Bildung von Cocktails verschiedener Wirkstoffe die Toxizität erhöht – auch subletal. In der Praxis sind solche Vermischungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Entweder in Form von Tankmischungen, als auch in Form von Anreicherungen im Boden und im Wasser. Pollenproben aus Frankreich und den USA ergaben, dass Bienen mit dem Pollen 20 bzw. 46 verschiedene Pflanzenschutzmittel in den Bienenkasten holen. Auf die Frage, wie ein solcher Cocktail wirkt, weiß das aktuelle Zulassungsverfahren keine verbindliche Antwort.

5.) Die vom Hersteller angegebenen Halbwerts­ und Abbauzeiten werden nicht von unabhängiger Stelle in der Praxis überprüft. Ein chemisches Monitoring des Verhaltens der Pflanzenschutzmittel in der Praxis fehlt.

      6.) Pflanzenschutzmittel und Neonicotinoide im Besonderen werden mit Auflagen zugelassen. Die Auflagen beziehen sich auf die Art und Weise, wie die Mittel angewandt werden. Die Überprüfung der Umsetzung dieser Auflagen in der Praxis findet nicht statt.

      Die Vorschläge zur Verbesserung der Zulassungsverfahren, die ich bereits dem BVL mitteilte, sind wie folgt.

      Vorschläge zur Verbesserung der Situation

      1. Aufbau und ständige Erweiterung eines internationalen Informationsnetz zum Austausch von Studien, Erfahrungen und Zulassungsauflagen zwischen den Behörden und Wissenschaftlern.

      2. Zentrale Anlaufstelle für Hinweise aus der Bevölkerung und von Praktikern.

      3. Aufbau unabhängiger Institute, die mit unabhängigen Bienenwissenschaftlern und Toxikologen besetzt sind. Diese Institute überprüfen vor der Zulassung die eingereichten Unterlagen und nehmen eigenständige Messungen der in den Unterlagen enthaltenen Messungen vor. Nach der Zulassung überprüfen diese Institute die Parameter, wie sie sich in der Praxis bewahrheiten.

      4. Endlich mehr Geld und Personal vom Bund für die Zulassungsbehörden JKI und BVL, damit diese ihren Aufgaben angemessen und verantwortungsvoll ausführen können.

      5. Die Pflanzenschutzmittelverordnung sollte dahingehend angepasst werden, dass die Unterlagen für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln öffentlich und jederzeit zugänglich sind. Die Überprüfung der Wirkung der Pflanzenschutzmittel auf den Naturhaushalt sollte nicht zeitlich punktuell erfolgen, sondern in einem von den Herstellern völlig unabhängigem Langzeit­Monitoring. Einem Dritten von außen sollte die Überprüfung der Durchführung des Monitoring ermöglicht werden. Die Zusammenarbeit mit der Bienenwissenschaft und der Toxikologie sollte in der Verordnung fixiert werden, so dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in jedem Fall berücksichtigt werden. Die Verordnung sollte außerdem neben standardisierten auch freie Untersuchungen und Prüfungen nicht nur zulassen, sondern verlangen. Des Weiteren sollte die Verordnung einen Regelung für den akuten Notstand enthalten, damit in Falle von Schadensmeldungen Sofortmaßnahmen vorgenommen werden können. Diese Sofortmaßnahmen sind bereits vorher festzulegen und ständig auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.

      6. Das Einrichten eines runden Tisches, an dem Verbraucher, Imker, Landwirte, Hersteller, Wissenschaftler und Zulassungsbehörden zusammenkommen, ist besonders geeignet, um eine gemeinsame Plattform zum Austausch und Entwickeln von gemeinsamen Vorgehensweisen zu fördern.

      Die weitere Beschäftigung mit Neonicotinoiden brachte mit sich, dass sich eine ganze Reihe von Möglichkeiten entfaltet, mit der Nichtzielinsekten, insbesondere die Honigbiene, in Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln kommen.

      Neben den direkten, oft tödlich endenden Kontaktwegen – wie der Austrag über Beizstäube – existieren durch die sogenannte systemische Wirkung weitere Wege der Exposition. Systemisch bedeutet, dass die Pflanze den Wirkstoff über die Wurzeln aufnimmt und in alle Teile der Pflanze verbringt. Somit treten Neonicotinoide in Pollen und Nektar auf, wo sie von Bestäuberinsekten abgenommen werden. Die Mengen der Wirkstoffe sind nicht letal, sondern wirken nur im subletalen Bereich.

      Die Erfahrungen aus dem Jahr 2008 mit den Wirkungen der Neonicotinoide auf die Honigbienen haben deutliche Hinweise gegeben, dass die subletale Wirkung besser zu untersuchen ist. Allen Anschein nach, darauf deuten auch in der Veröffentlichung befindliche wissenschaftliche Studien aus den USA hin, schwächen Neonicotinoide und Pflanzenschutzmittel-Cocktails in geringen Konzentrationen das Immunsystem von Insekten.

      Sterben die Bienen an einer letalen Vergiftung durch Neonicotinoide, dann ist das eine Sache. Wird durch subletale Dosen von Neonicotinoiden und Cocktails von Pflanzenschutzmitteln jedoch die Immunabwehr der Bestäubungsinsekten aufgehoben, dann wird auf diese Weise die Lebensgrundlage für diese so wichtigen Insekten entzogen. Ohne funktionierende Immunabwehr kann kein Lebewesen auf Dauer fortbestehen.

      Es bestehen sich verdichtende Hinweise, sowohl aus der praktischen Beobachtungen als auch aus der Wissenschaft, dass diese erste Deutung bezüglich der Neonicotinoide korrekt ist. Gern erläutere ich das ausführlich.

      Ist das jedoch der Fall, dann bedeutet der weitere Einsatz dieser Pflanzenschutzmittel eine unmittelbare Bedrohung der Honigbienen und alle weiteren Bestäuber. Letal durch direkten Kontakt, subletal durch Herabsetzung der Immunabwehr.

      Meines Erachtens sollte dieser Aspekt sehr genau untersucht und beobachtet werden. Vor allem sollte jedoch das Vorsichtsprinzip gelten und bis zur Klärung der Eigenschaften im Naturhaushalt sollten die Zulassungen für Neonicotinoide für alle Kulturen ruhen.

      Im Sinne des Schutzes der Verbraucher, des Naturhaushaltes und der Lebensmittelsicherheit bitte ich Sie, dass Sie der Sache von höchster Stelle aus nachgehen. Aus meiner Sicht benötigen wir einen besseren Schutz in Form von verbesserten Zulassungsverfahren. Wir benötigen gesicherte Erkenntnisse über die subletale Wirkung auf das Immunsystem von Honigbienen und Bestäubungsinsekten mit neuen Methoden der Bienenwissenschaft. Wir benötigen aber vor allem einen offenen Dialog zwischen Wissenschaftlern, Politikern, Zulassungsbehörden, den Anwendern und den besorgten Bürgern (Imker, Naturschutzverbände, Jäger, Entomologen, Verbraucher etc.).

      Daher lade ich Sie ein, einen Termin zu bestimmen, an dem dieser Dialog stattfinden kann. Ich wäre hocherfreut, wenn Sie mir einen Termin und Ort nennen würden. Gern bei Ihnen in Berlin. Ich stehe mit allen Beteiligten in Kontakt und könnte Vertreter aus allen Gruppen zu einem Gespräch einladen.

      Ich danke Ihnen im voraus und verbleibe mit freundlichen Grüßen

      gez.

      Bernhard Heuvel

      PS: Ich betrachte dies als Offenen Brief, der auch veröffentlicht wird.

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      Thema: Imkerdemo

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