Bienensterben ist keine Verkettung ungünstiger Faktoren - zur Meldung aus dem Bundestag

Dienstag, 9. September 2008 | Autor: Bernhard

Zur heute im bundestag (hib)-Meldung 243/2008 vom 08.09.2008
Bienensterben ist keine Verkettung ungünstiger Faktoren

Heute gab es eine Stellungnahme des Bundestages zum Bienensterben in diesem Frühjahr (siehe hib-Meldung zum Bienensterben in einer Antwort auf die Kleine Anfrage der Linksfraktion (siehe Kleine Anfrage (PDF) ). In dieser Stellungnahme geht der Bundestag davon aus, dass es sich bei dem Bienensterben in diesem Frühjahr um einen Einzelfall handelt und nur aufgrund einer ungünstigen Verkettung von Faktoren zustande gekommen ist.

Hier ist Aufklärungsarbeit bei den Politikern zu leisten, denn das Bienensterben (besser die Bienenvergiftung) ist subletal seit Jahren zu beobachten. Auch die anderen Bestäuber sind durch die Insektizide existenziell gefährdet. Diese Bedrohung nimmt die Bundesregierung zurzeit nicht wahr. Bitte helft, sie darauf aufmerksam zu machen.

Kommt zur Demo und zeit den Politikern in Berlin auf, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Sondern um die Spitze eines Eisberges.

Schreibt dem Bundestag - hier findet ihr ein Kontaktformular:
Kontaktformular der Bundesregierung

Hier ist mein Anschreiben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Stellungnahme und für Engagement für den Bienenschutz in Deutschland.

Das Bienensterben in Baden und Bayern war kein Bienensterben, sondern eine Bienenvolkvergiftung. Die Ereignisse waren nur die Spitze eines Eisberges, der sich seit Jahren seinen Weg zur Oberfläche bahnt. Einschlägige Erfahrungen mit den Neonikotinoiden gibt es in vielen Ländern schon seit Jahren. Seit Jahren warnen Imker vor den Folgen des Einsatzes solcher neuartigen Pestizide. In Ländern wie Frankreich ist der Einsatz von Neonikotinoiden verboten worden - seit Jahren.

In Baden und Bayern waren in diesem Jahr die Folgen einer Überdosierung zu beobachten. Es handelt sich um die Spitze eines Eisberges. Der Einsatz von Pestiziden in niedrigeren Dosierungen bedeutet nicht den Tod, sondern eine schleichende Vergiftung, die chronische Krankheiten der Bienenvölker verursachen. Halb vergiftet ist eben immer noch vergiftet.

Die Studien aus den USA von M. Frazier (colony collapse disorder workgroup) belegen, dass Pestizide als Ursache für das weltweite Bienensterben in dringendem Verdacht stehen. Es ist die subletale Wirkung von Pestizidkombinationen, die erst  die Bienenvölker schwächen und damit Sekundärkrankheiten Tür und Tor öffnen.

Da Insektizide sich nicht auf Honigbienen beschränken, sondern auf alle Insekten und damit Bestäuber, sind alle auf Fremdbestäubung angewiesenen Pflanzen in ihrer Existenz bedroht, sollten die Insekten als Bestäuber in den kommenden Jahren durch die Akkumulation der Pestizide ausgerottet werden. Wissen Sie, wie viele Pflanzen auf Fremdbestäubung angewiesen sind? Wie viel Prozent aller Pflanzen weltweit die Bestäubung benötigen? Wie viele Nutzpflanzen auf die Bestäubung angewiesen sind?

Die Zulassungsbehörden benötigen dringend Verstärkung und zwar durch Personal und durch mehr Geld. Weiter müssen unabhängige Institute die Zulassungsunterlagen überprüfen und eigene Tests (zum Beispiel an Bienenlarven und durch Bienenintelligenztests durchführen. Die aktuellen Gesetzesgrundlagen schützen weder den Verbraucher noch den Naturhaushalt vor schleichenden Vergiftungen - sie sind akut den Folgen der Pestizide ausgesetzt.

Erkannte Mängel bei Zulassungsverfahren für Pestizide

1. Vorliegende Informationen über aufgetretene Schäden in anderen Ländern wurden weder
vom Hersteller bereitgestellt noch vom BVL eingeholt. Hier ist eine mangelnde internationa­
le Vernetzung Ursache dafür, dass bereits gemachte Erfahrungen und Studien nicht zur Zu­
lassung herangezogen werden. Solche Erfahrungswerte sind aber äußerst wertvoll für die
Abwendung von Schäden.

2. Die für die Zulassung herangezogenen Studien und Prüfungen werden entweder vom Her­
steller oder von nicht­unabhängigen Einrichtungen vorgenommen. Diese Unterlagen sind zur
Zeit nicht alle öffentlich einzusehen, so dass eine externe Überprüfung durch Dritte nicht
möglich ist. Da Dritte von außen jedoch wertvolle Hinweise liefern und damit Schäden ver­
hindern könnten, ist die fehlende Zugänglichkeit der Unterlagen als Mangel zu bezeichnen.

3. Zur Prüfung der Toxizität der Pestizide werden Standards herangezogen, die als veraltet zu
betrachten sind und die Wirkungen von neuen, systemisch wirkenden Stoffen wie den Neo­
nicotinoiden nicht erfassen. Von Seiten der Wissenschaft liegen bereits Anregungen  vor,
zum Beispiel in Form von standardisierten Intelligenztests, die solche neuartigen Stoffe auf
ihre Toxizität auf das gesamte Bienenvolk als Superorganismus hin prüfen würden. Die Er­
kenntnisse aus der modernen Bienenwissenschaft werden zur Zeit nicht berücksichtigt.

4. Bei der Überprüfung der Toxizität der Wirkstoffe wird meines Wissens völlig außer Acht ge­
lassen, inwieweit die Bildung von Cocktails verschiedener Wirkstoffe die Toxizität erhöht –
auch subletal. In der Praxis sind solche Vermischungen nicht die Ausnahme, sondern die Re­
gel. Entweder in Form von Tankmischungen, als auch in Form von Anreicherungen im Bo­
den und im Wasser. Pollenproben aus Frankreich und den USA ergaben, dass Bienen mit
dem Pollen 20 bzw. 46 verschiedene Pestizide in den Bienenkasten holen. Auf die Frage, wie
ein solcher Cocktail wirkt, weiß das aktuelle Zulassungsverfahren keine verbindliche Ant­
wort.

5. Die vom Hersteller angegebenen Halbwerts­ und Abbauzeiten werden nicht von unabhängi­
ger Stelle überprüft. Die Anreicherung und damit steigende Konzentration im Naturhaushalt
jedoch stellt eine erhebliche Gefahrenquelle für Mensch und  Natur dar, die von dem aktuel­
len Zulassungsverfahren ungeprüft bleibt. Auch das ist als ein erheblicher Mangel zu ver­
zeichnen.

6. Die Überprüfung der Auflagen der Zulassung in der Praxis findet nicht statt. Das BVL geht
davon aus, dass bei der Aussaat von Raps und anderen Kulturen ausser Mais der Wirkstoff
sich nicht in die Umgebung ausbreitet, da das Saatgut nach der Aussaat von der Scholle ver­
deckt ist. Jeder Praktiker weiß, dass zum Beispiel beim Wenden die Sämaschine ausgehoben
wird. Auf diesem Wege gelangt Saatgut an die Oberfläche, wo der Wirkstoff durch Regen
ausgewaschen und konzentriert in Regenpfützen gelangt. Dort kommen sogenannte Wasser­
holerinnen   der  Honigbienen,   nehmen   Wasser  auf   und  tragen   dieses   in  den  Bienenstock.
Ganz zu schweigen von den Wildinsekten und Tieren, die sich ebenfalls aus Pfützen bedie­
nen. Das ist auch nur ein Beispiel von vielen bisher durch Imker erkannten Expositionswe­
gen, wie sich der Wirkstoff in die Umgebung ausbreiten kann. Hier findet weder eine unab­
hängige noch systematische Überprüfung durch die Zulassungsbehörden statt, inwieweit die
Auflagen in der Praxis greifen.

Vorschläge zur Verbesserung der Situation

1. Aufbau und ständige Erweiterung eines internationalen Informationsnetzes zum Austausch
von   Studien,   Erfahrungen   und   Zulassungsauflagen  zwischen   den  Behörden  und   Wissen­
schaftlern.

2. Zentrale Anlaufstelle für Hinweise aus der Bevölkerung und von Praktikern.

3. Aufbau unabhängiger Institute, die mit unabhängigen Bienenwissenschaftlern und Toxikolo­
gen besetzt sind. Diese Institute überprüfen vor der Zulassung die eingereichten Unterlagen
und nehmen eigenständige Messungen der in den Unterlagen enthaltenen Messungen vor.
Nach der Zulassung überprüfen diese Institute die Werte, wie sie sich in der Praxis bewahr­
heiten.

4. Endlich mehr Geld und Personal vom Bund für die Zulassungsbehörden JKI und BVL, da­
mit diese ihren Aufgaben angemessen und verantwortungsvoll ausführen können.

5. Die Pflanzenschutzmittelverordnung sollte dahingehend angepasst werden, dass die Unterla­
gen für die Zulassung von Pestiziden öffentlich und jederzeit zugänglich sind. Die Überprü­
fung der Wirkung der Pestizide auf den Naturhaushalt sollte nicht zeitlich punktuell erfol­
gen, sondern in einem von den Herstellern völlig unabhängigem Langzeit­Monitoring. Ei­
nem Dritten von außen sollte die Überprüfung der Durchführung des Monitoring ermöglicht
werden. Die Zusammenarbeit mit der Bienenwissenschaft und der Toxikologie sollte in der
Verordnung fixiert werden, so dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in jedem Fall be­
rücksichtigt werden. Die Verordnung sollte außerdem neben standardisierten auch freie Un­
tersuchungen und Prüfungen nicht nur zulassen, sondern verlangen. Des Weiteren sollte die
Verordnung einen Regelung für den akuten Notstand enthalten, damit in Falle von Schadens­
meldungen Sofortmaßnahmen vorgenommen werden können. Diese Sofortmaßnahmen sind
bereits vorher festzulegen und ständig auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.

6. Das  Einrichten eines runden Tisches, an dem Verbraucher, Imker, Landwirte, Hersteller,
Wissenschaftler   und   Zulassungsbehörden   zusammenkommen,   ist   besonders   geeignet,   um
eine gemeinsame Plattform zum Austausch und Entwickeln von gemeinsamen Vorgehens­
weisen zu fördern.

Die Bundesregierung steht in direkter Verantwortung dafür, wie sich die Situation in den nächsten Jahren entwickelt. Die Pesitzide, vor allem die Neonikotinoide werden sich im Naturhaushalt anreichern und die Spitze des Eisberges kann sich weit über die Wasseroberfläche herausheben, wenn hier nicht die notwendige Verantwortung übernommen wird. Bis die Auswirkungen von Anreicherungen, von Vermischungen verschiedener Pestizide, von subletalen Vergiftungen auf die Bestäubungsinsekten nicht ausreichend erforscht sind, muss zumindest im Bereich der Neonikotinoide ein sofortiger Stop der Ausbringung erfolgen. Ansonsten droht ein Zusammenbruch der Bestäubungsinsekten - mit katastrophalen Wirkungen auf den Naturhaushalt.

Wir bieten allen Beteiligten an, einen runden Tisch zu bilden, um Lösungen aus der Misere zu finden. Es gibt genügend Alternativen auch für große Landwirtschaftsbetriebe und für den Erhalt der Chemieindustrie.

Wir, das sind Imker und deren Verbände, Biolandwirte, Umweltorganisationen, Verbraucher und Wissenschaftler. Bitte nehmen Sie die Verantwortung ernst, es geht mehr als um die Honigerträge, es geht mehr als um ein Hobby. Es geht um die langfristige Existenz der Landwirtschaft, des Menschens und des Naturhaushaltes.

Wenn Sie uns einladen, würden wir gerne vor der Bundesregierung sprechen, um unsere Sicht der Situation zu erläutern und erste Ansätze der Lösung zu bieten.

Vielen Dank für Ihre Verantwortung, für Ihre Sorge um den Bienen- und Verbraucherschutz.

Mit freundlichen Grüßen,

Bernhard Heuvel

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Thema: Imkerdemo

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2 Kommentare

  1. 1
    Andreas Wörnle 
    Dienstag, 9. September 2008

    Herrn Bernhard Heuvel,
    danke für Eure Arbeit an der “guten” Sache.
    Aufmerksam habe ich die Artikel gelesen.
    Nur eine kleine Anregung von mir. Um
    unsere Abgeordneten in der Bundesregierung
    für dieses Thema zu sensibilisieren müssen
    diese Nachrichten und Testergebnisse
    (betrifft die Gesundheit aller Lebewesen
    -auch des Menschen) an die
    breite Öffentlichkeit gelangen. Besonders
    in Wahljahren, versuchen unsere Volksvertreter,
    alle Negativmeldungen von ihrer Partei
    fernzuhalten.
    Nur so bringt man den Fuß in die Tür der Bundesregierung.

    Mit imkerlichen Gruß aus Mittenwald

  2. Hallo Bernhard,
    ich habe obigen Text ebenfalls an meine Abgeordneten geschickt. 100% unterstützenswert! von Donnerstag bis Sonntag bin ich ganz in der Nähe von Bonn in der Vulkaneifel auf einem Seminar mit Systemaufstellungen zum Schwerpunktthema Bienensterben. Leider kann ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Aber vielleicht muss ich das auch nicht. Möglicherweise kommen die Leute dort ja mit auf die Demo. Mal sehen. Infos hierzu unter http://www.naturdialog.ch
    Imkerliche Grüße
    bis bald mal wieder
    Christoph
    Christoph

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