Bienensterben in Baden und Bayern

Mittwoch, 23. Juli 2008 | Autor: Bernhard

Die Spitze des Eisberges

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum einen Monat nach den enormen Schäden am Naturhaushalt und an den Honigbienen in Baden und Bayern wird der Wirkstoff Clothianidin zur Verwendung im Raps wieder zugelassen. Laut den Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sei die Anwendung des Wirkstoffes im Raps deswegen sicher, weil Bienen und andere “Nichtziel-Insekten“ bei der Ausbringung mit dem Wirkstoff nicht in Berührung kämen. Für mich persönlich war und ist die Wiederzulassung so kurz nach Auftreten der Schäden nicht nachvollziehbar – schließlich wurde durch das Massensterben offenkundig, welche wirklichen Schäden durch die Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide am Naturhaushalt und an der Honigbiene entstehen. Das Massensterben ist die Spitze des Eisberges. Die wahren Schäden liegen verborgen unter der Oberfläche und äussern sich in der Schwächung der Insektenwelt und in der Anreicherung im Naturhaushalt. Und damit im Nahrungskreislauf des Menschen, denn was man in den Naturhaushalt ausbringt, landet unweigerlich auf dem Teller des Verbrauchers. 

Mit der Beschäftigung mit den Zulassungsverfahren wurde mir sehr schnell deutlich, dass eklatante Mängel in den Zulassungsverfahren für Pestizide bestehen. 

Erkannte Mängel bei Zulassungsverfahren für Pestizide

  1. Vorliegende Informationen über aufgetretene Schäden in anderen Ländern wurden weder vom Hersteller bereitgestellt noch vom BVL eingeholt. Hier ist eine mangelnde internationale Vernetzung Ursache dafür, dass bereits gemachte Erfahrungen und Studien nicht zur Zulassung herangezogen werden. Solche Erfahrungswerte sind aber äußerst wertvoll für die Abwendung von Schäden. 
  2. Die für die Zulassung herangezogenen Studien und Prüfungen werden entweder vom Hersteller oder von nicht-unabhängigen Einrichtungen vorgenommen. Diese Unterlagen sind zur Zeit nicht alle öffentlich einzusehen, so dass eine externe Überprüfung durch Dritte nicht möglich ist. Da Dritte von außen jedoch wertvolle Hinweise liefern und damit Schäden verhindern könnten, ist die fehlende Zugänglichkeit der Unterlagen als Mangel zu bezeichnen.
  3. Zur Prüfung der Toxizität der Pestizide werden Standards herangezogen, die als veraltet zu betrachten sind und die Wirkungen von neuen, systemisch wirkenden Stoffen wie den Neonicotinoiden nicht erfassen. Von Seiten der Wissenschaft liegen bereits Anregungen vor, zum Beispiel in Form von standardisierten Intelligenztests, die solche neuartigen Stoffe auf ihre Toxizität auf das gesamte Bienenvolk als Superorganismus hin prüfen würden. Die Erkenntnisse aus der modernen Bienenwissenschaft werden zur Zeit nicht berücksichtigt.
  4. Bei der Überprüfung der Toxizität der Wirkstoffe wird meines Wissens völlig außer Acht gelassen, inwieweit die Bildung von Cocktails verschiedener Wirkstoffe die Toxizität erhöht – auch subletal. In der Praxis sind solche Vermischungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Entweder in Form von Tankmischungen, als auch in Form von Anreicherungen im Boden und im Wasser. Pollenproben aus Frankreich und den USA ergaben, dass Bienen mit dem Pollen 20 bzw. 46 verschiedene Pestizide in den Bienenkasten holen. Auf die Frage, wie ein solcher Cocktail wirkt, weiß das aktuelle Zulassungsverfahren keine verbindliche Antwort. 
  5. Die vom Hersteller angegebenen Halbwerts- und Abbauzeiten werden nicht von unabhängiger Stelle überprüft. Die Anreicherung und damit steigende Konzentration im Naturhaushalt jedoch stellt eine erhebliche Gefahrenquelle für Mensch und  Natur dar, die von dem aktuellen Zulassungsverfahren ungeprüft bleibt. Auch das ist als ein erheblicher Mangel zu verzeichnen. 
  6. Die Überprüfung der Auflagen der Zulassung in der Praxis findet nicht statt. Das BVL geht davon aus, dass bei der Aussaat von Raps und anderen Kulturen ausser Mais der Wirkstoff sich nicht in die Umgebung ausbreitet, da das Saatgut nach der Aussaat von der Scholle verdeckt ist. Jeder Praktiker weiß, dass zum Beispiel beim Wenden die Sämaschine ausgehoben wird. Auf diesem Wege gelangt Saatgut an die Oberfläche, wo der Wirkstoff durch Regen ausgewaschen und konzentriert in Regenpfützen gelangt. Dort kommen sogenannte Wasserholerinnen der Honigbienen, nehmen Wasser auf und tragen dieses in den Bienenstock. Ganz zu schweigen von den Wildinsekten und Tieren, die sich ebenfalls aus Pfützen bedienen. Das ist auch nur ein Beispiel von vielen bisher durch Imker erkannten Expositionswegen, wie sich der Wirkstoff in die Umgebung ausbreiten kann. Hier findet weder eine unabhängige noch systematische Überprüfung durch die Zulassungsbehörden statt, inwieweit die Auflagen in der Praxis greifen. 

Der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund, einige Einzelkämpfer unter den Imkern sowie einzelne Politiker weisen schon seit Jahren auf diese Mängel im Umgang mit Pestiziden hin. Die Wiederzulassung bewegte mich dazu, zur Kundgebung aufzurufen. Es geht um die Bienen, es geht um die Imkerei, es geht um die Zukunft. 

Entomologen und Bienenwissenschaftler der ganzen Welt sehen einen Zusammenhang zwischen Pestiziden und dem weltweiten Bienensterben. Im Amerikanischem Bienenjournal (American Bee Journal) veröffentlichte die Wissenschaftlergruppe „Colony Collapse Disorder workgroup“ (CCD workgroup) vorab ihre Ergebnisse zum Bienensterben in den USA unter dem Titel „What Have Pesticides Got To Do With It?” (übersetzt: “Was haben Pestizide damit zu tun?”). Die Ergebnisse belegen einen direkten Zusammenhang zwischen Pestizidcocktails und der Schwächung des Immunsystems der Bienen. Diese Schwächung öffnet Ektoparasiten und Viren Tür und Tor und führt zu zeitlich versetzten Zusammenbrüchen. Viele Imker beobachten eine immer weitere Schwächung der Bienen. Bei gleicher Milbenzahl wie vor einem Jahrzehnt sterben die Bienen heute schneller. Die Entwicklung der Völker geht schleppend voran durch schleichende Vergiftungen der Brut und durch „Verdummung“ der Arbeiterinnen. Wie der Titel der Veröffentlichung schon vermuten lässt, wurde von den Wissenschaftlern festgestellt, dass Pestizide massiv in die Bienenstöcke gelangen. Vor allem über den Pollen werden die Pestizide eingeschleppt - hier konnten in 108 Pollenproben 46 verschiedene Pestizide festgestellt werden. Die höchste Anzahl von Pestiziden war 17 verschiedene Pestizide in einer einzigen Pollenprobe. Auch das Wachs aus der Nähe des Brutnestes enthielt Pestizide.

Solche Ergebnisse wurden bereits durch Chauzat und Facon aus Frankreich gefunden. Dort wurde Imidacloprid in 40 von 81 Proben gefunden. Insgesamt wurden 19 Pestizide gefunden, jedoch ist zu beachten, dass auch nicht nach so vielen Wirkstoffen gesucht wurde, wie bei der CCD workgroup.

Das aktuelle Bienensterben ist die Spitze des Eisberges. Bisher haben sich die Vergiftungen mit Pestiziden in der Schwächung der Honigbienenvölker geäußert. Die Vorfälle in Baden und Bayern ereigneten sich aufgrund einer Überdosierung. Hier wurde sichtbar, was sich sonst hinter dem stillen Tod versteckt. Die schleichende Vergiftung des Naturhaushaltes offenbart sich hier in dem Bio-Indikator Honigbiene. 

Vorschläge zur Verbesserung der Situation

  1. 1. Aufbau und ständige Erweiterung eines internationalen Informationsnetzes zum Austausch von Studien, Erfahrungen und Zulassungsauflagen zwischen den Behörden und Wissenschaftlern.
  2. Zentrale Anlaufstelle für Hinweise aus der Bevölkerung und von Praktikern.
  3. Aufbau unabhängiger Institute, die mit unabhängigen Bienenwissenschaftlern und Toxikologen besetzt sind. Diese Institute überprüfen vor der Zulassung die eingereichten Unterlagen und nehmen eigenständige Messungen der in den Unterlagen enthaltenen Messungen vor. Nach der Zulassung überprüfen diese Institute die Werte, wie sie sich in der Praxis bewahrheiten.
  4. Endlich mehr Geld und Personal vom Bund für die Zulassungsbehörden JKI und BVL, damit diese ihren Aufgaben angemessen und verantwortungsvoll ausführen können. 
  5. Die Pflanzenschutzmittelverordnung sollte dahingehend angepasst werden, dass die Unterlagen für die Zulassung von Pestiziden öffentlich und jederzeit zugänglich sind. Die Überprüfung der Wirkung der Pestizide auf den Naturhaushalt sollte nicht zeitlich punktuell erfolgen, sondern in einem von den Herstellern völlig unabhängigem Langzeit-Monitoring. Einem Dritten von außen sollte die Überprüfung der Durchführung des Monitoring ermöglicht werden. Die Zusammenarbeit mit der Bienenwissenschaft und der Toxikologie sollte in der Verordnung fixiert werden, so dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in jedem Fall berücksichtigt werden. Die Verordnung sollte außerdem neben standardisierten auch freie Untersuchungen und Prüfungen nicht nur zulassen, sondern verlangen. Des Weiteren sollte die Verordnung einen Regelung für den akuten Notstand enthalten, damit in Falle von Schadensmeldungen Sofortmaßnahmen vorgenommen werden können. Diese Sofortmaßnahmen sind bereits vorher festzulegen und ständig auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen.
  6. Das Einrichten eines runden Tisches, an dem Verbraucher, Imker, Landwirte, Hersteller, Wissenschaftler und Zulassungsbehörden zusammenkommen, ist besonders geeignet, um eine gemeinsame Plattform zum Austausch und Entwickeln von gemeinsamen Vorgehensweisen zu fördern.

Die Ergebnisse der weiter oben bereits erwähnten CCD workgroup zeigen aber noch mehr. 

Neben den Pestiziden aus der Landwirtschaft werden auch die Pestizide als Ursache herangezogen, die die Imker selbst in die Beuten bringen. Die zur Behandlung gegen die Varroa verwendeten Pestizide sind Akarizide. Und wirken daneben häufig insektizid. Genau wie die Pestizide aus der Landwirtschaft reichern sich die vom Imker verwendeten Pestizide im Bienenvolk an und bilden mit den Pestiziden aus der Landwirtschaft einen tödlichen oder subletalen Cocktail.

Da die Pestizide des Imkers direkt in das Volk gegeben werden, sind die Konzentrationen dieser Werte am höchsten von allen Pestiziden. Diesen Ergebnissen zufolge ist daher nicht nur eine Änderung im Umgang mit Pestiziden in der Landwirtschaft, sondern auch in der Imkerei notwendig. Wir stehen an einer Schwelle, wo grosse Änderungen auch bei uns selbst notwendig sind, um die Bienen zu erhalten.

Meine Meinung ist, dass die Kundgebung in Braunschweig am Freitag, den 18. Juli 2008 eine erste Plattform gewesen ist, auf der alle Beteiligten konstruktiv und ruhig zur Sache beigetragen haben. Die demonstrierenden Imkerinnen und Imker sind keine Steinewerfer und Krawallmacher. Uns liegt das Wohl des Verbrauchers, der Schutz des Naturhaushaltes und der Erhalt der Hongbienen einfach sehr nah am Herzen. 

In der Folge wollen wir gerne weiter konstruktiv auf unsere Herzensangelegenheit aufmerksam machen.

Alle Informationen dazu finden sich auf der zentralen Internetseite http://www.imkerdemo.de

 

Viele Grüße,
Bernhard Heuvel
bernhardundee@online.de 
0177 - 4864748

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Thema: Imkerdemo

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